Sportgerät & Stylistin: Funktion vor Farbe – und wann Rebranding geht
Warum das Sportgerät nie nur nach Farbe gewählt werden darf: Rebranding-Grenzen bei Ski, Bike und Gleitschirm, Continuity am Filmset, Werbekooperationen und die Materialpauschale.
Written by
Tobi Deckert
Reading Time
5 Minuten
Das Grundprinzip: Funktion vor Farbe
Ich erlebe es immer wieder: Sportgeräte werden für ein Shooting nach der Farbe ausgewählt – das Gerät soll zum Outfit passen oder umgekehrt, gerade bei Ski, Gleitschirm oder Kite. Nicht umsonst legen Hersteller eigene Woman-Kollektionen auf, um genau diese Zielgruppe abzuholen. Bei einem Sport-Shooting, in dem das Gerät mit im Mittelpunkt steht, ist aber die Funktion wichtiger als der Look – oder das Gerät muss vorab angepasst und im Detail besprochen werden.
Ein Sportgerät ist immer ein Zwischending: eigentlich Requisite, aber irgendwie gehört es auch zum Look. Genau da überschneiden sich die Kompetenzbereiche von Requisite und Styling – und es kommt schnell zu Missverständnissen. Deshalb spreche ich als Sportmodel vor jedem Dreh mit beiden im Detail. Wie viel Detailwissen im Thema Ski-Equipment steckt, durfte ich übrigens schon als Studiogast bei „Wir in Bayern" im Bayerischen Rundfunk zeigen – das Video oben ist der komplette Auftritt.
Was sich branden lässt – und wo die Grenzen sind
Fahrrad: lässt sich einfach überkleben – Farbe und Logo.
Ski: Überkleben funktioniert, aber nur auf der Oberseite (Topsheet). Den Belag kann man nicht überkleben und farblich nicht ändern.
Gleitschirm: Logos lassen sich mit ausgeschnittenen Spezialstickern aus dünnem Material abdecken – die Tuchfarbe aber nicht. Und es müssen Schirmgröße und Schirmart zur Szene passen: Wer einen Anfänger-Piloten spielt, sollte nicht mit einem Hochleistungsschirm gedreht werden – das fällt Kennern sofort auf.
Continuity & Rebranding am Filmset – zwei Beispiele
Eddie the Eagle (Garmisch): Wir haben mit Material aus den 1970ern gedreht – Eddie ist seine ersten Schanzensprünge tatsächlich auf normalen Alpinski gesprungen. Unsere Ski waren speziell präpariert und mussten immer wieder überklebt werden, um mehrere gleiche Modelle zu haben – auch weil Ski zwischendrin brachen und der Skityp kaum noch verfügbar war.
„Die Discounter" (Amazon): In der Skihalle durfte ich den Filialleiter Thorsten doubeln – und musste meine eigenen Ski überkleben: Meine Marke Rossignol durfte nicht sichtbar sein, sonst hätten der Produktion Strafzahlungen gedroht. Taucht eine Fremdmarke im Bild auf, verlangen Firmen schnell Gebühren oder Schadensersatz. Wie dieser Dreh im Detail ablief — inklusive der Pointe, dass sich ein Topsheet überkleben lässt, ein Belag aber nicht — steht im Case zum Backflip in der Skihalle.
Werbekooperation statt Streit
Oft ist das Ganze paradox – deshalb rate ich Marketingabteilungen, im Vorfeld mit möglichen Kooperationsfirmen zu sprechen und Vereinbarungen zu treffen, statt sich die Köpfe einzuschlagen. Für eine Firma, die Bekleidung shooten will, lohnt eine Werbekooperation mit einem Geräte-Hersteller: Ein Bike-Hersteller gibt gern seine neuesten Modelle für ein Shooting her, wenn er im Austausch nutzbares Bildmaterial bekommt. In der Regel eine Win-win-Situation – solange transparent kommuniziert wird. Denn hier spielen Rechte eine Rolle: Verteilen zwei Marken das Bildmaterial, sollte sich auch das Buyout entsprechend anpassen.
Was ich vorab abkläre
Ich spreche meine Sportgeräte, Farben und Details durch, schicke Bilder von meinem Material und kläre über Saisonalität und Kollektionen auf: Marken bringen jedes Jahr eine neue Kollektion in anderer Farbe heraus, an der man den Jahrgang erkennt. Das Modell sollte zum Jahr passen, in dem die Action spielt. Das erkennen nur Profis – aber wenn man die Sportzielgruppe wirklich erreichen will: Genau die kennt ihre Modelle nach Jahrgang, oft besser als die Marketingabteilungen selbst.
In diesen Gesprächen weise ich auf Besonderheiten und Grenzen der Gerätetypen hin – was mit welchem Gerät machbar ist und woher man es bekommt. Meist habe ich die passenden Kontakte zu Firmenpartnern, weil ich das seit über zehn Jahren mache.
Abrechnung: die Materialpauschale
Komme ich mit meinem eigenen Sportgerät ans Set, rechne ich dafür einen kleinen Betrag ab: Es steht Zeit dagegen, alles herauszusuchen, es besteht ein Abnutzungsrisiko – und die Produktion spart sich Besorgen, Ausleihen oder Kaufen-und-Wiederverkaufen. Ein überschaubarer, fairer Betrag, der auf Augenhöhe vorab vereinbart wird.
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FAQ
Darf die Stylistin das Sportgerät nach Farbe auswählen?
Beim Look ja – aber die Funktion geht vor: Länge, Härte und Typ müssen zur Szene und zum Können der Figur passen. Am besten wählt man Look und Funktion gemeinsam mit dem Sportmodel aus.
Kann man Ski oder Gleitschirm einfach umbranden?
Ski nur auf dem Topsheet, Fahrräder komplett, beim Gleitschirm nur die Logos – die Tuchfarbe nicht. Sicherheit geht immer vor: An Bindung und Kanten wird für den Look nicht gebastelt.
Warum berechnet ein Sportmodel eine Materialpauschale?
Weil eigenes, funktionierendes Material Auswahlzeit, Abnutzung und Verantwortung bedeutet – und der Produktion Leihkosten und Organisationsaufwand spart.
Fakten & Skills
Thema | Sportgerät als Requisite: Funktion, Continuity, Rebranding |
Erfahrung | 10+ Jahre eigene Sport-Shootings · Filmsets (Eddie the Eagle, Die Discounter) |
Geräte | Ski · Mountainbike · Gleitschirm · Kite · eigenes Material + Partnerkontakte |
Base | München · Bayerische Alpen · Alpenraum |
Material ist nur ein Baustein der Produktionskette: Den kompletten Ablauf von Casting über Genehmigungen und Sicherheit bis zur Nachnutzung gibt es im Leitfaden Outdoor-Dreh planen.
Weiterlesen: die Rossignol-Geschichte hinter dem Backflip
Das Rossignol-Beispiel aus diesem Artikel hat einen eigenen Case: Für den Ski-Backflip in Staffel 3 von „Die Discounter“ wurden meine Topsheets im Retro-Design überklebt — den Belag kann aber niemand überkleben, und genau deshalb ist im Flug noch ein Logo zu sehen. Dort steht der ganze Dreh, vom Kicker-Bau in der Skihalle bis zum ersten Take.
Weiterlesen: Funktion vor Optik - auch am Winkelschleifer
Dasselbe Prinzip gilt weit über den Sport hinaus. Für den Bosch-Produktfilm zu EXPERT Carbide stand ich als einer von vier Bosch Experts auf einer echten Baustelle in Stuttgart - und dort entscheidet nicht die Optik des Werkzeugs über das Bild, sondern Ansetzwinkel, Druckpunkt und die eigene Position zur Maschine. Die Fachzielgruppe sieht sofort, wenn das nicht stimmt.
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