Vorbereitung auf ein Fitness- oder Sport-Shooting: warum das Standardrezept aus dem Netz hier nicht gilt
Wasser laden, entwässern, Salz weglassen? Das kursierende Rezept für die Woche vor dem Shooting kommt aus dem Bodybuilding-Wettkampf und ist beim Fotoshooting falsch. Was stattdessen zählt: Polas, eine realistische Zeitleiste vor dem Drehtag, der Probetag mit, die Dreierregel und mentales Training.
Written by
Tobi Deckert
Reading Time
9 Minuten
Die Woche vor dem Shooting: was im Netz steht — und warum es hier nicht stimmt
Wer „Vorbereitung Fitness-Shooting" googelt, bekommt fast überall dieselbe Antwort: Wasser laden, dann entwässern, Salz weglassen, am Vortag Kohlenhydrate hochfahren. Davon halte ich überhaupt nichts.
Nicht, weil das Rezept erfunden wäre — im Bodybuilding hat es seinen Platz. Sondern weil es aus einem Wettkampfkontext stammt und hier schlicht der falsche Kontext ist. Wir sind bei einem Fotoshooting, und da bekommt man keine Punkte. Man muss dem Kunden passen. Wer sich für einen Drehtag halb entwässert, ist am Set schlapp, konzentriert sich schlechter und liefert über acht Stunden weniger — und man sieht es auf den Bildern.
Das Modelgeschäft hat für dieses Problem einen ganz anderen, viel einfacheren Mechanismus. Und der wird online praktisch nie erklärt, weil er unspektakulär ist: die Polas.
Polas: wie der Kunde vorher sieht, was er bekommt
Polas — früher Polaroids — sind eine aktuelle Tagesaufnahme ohne Entwicklungszeit: ein paar Selfies mit dem Handy, ohne Make-up, ohne Styling, ohne aufwendige Belichtung. Genau das ist der Sinn der Sache. Man sieht, wie jemand natürlich aussieht, nicht wie er auf einer bearbeiteten Sedcard aussieht.
Das Standard-Outfit ist ein neutrales weißes oder graues T-Shirt ohne Logos plus Blue Jeans. Der Kunde kann aber auch etwas Bestimmtes vorschreiben — bei einem Fitness-Shooting entsprechend ohne Klamotten, also in Boxershorts, damit er den Körperbau sieht und es am Drehtag keine Überraschungen gibt.
Diese Ansichten werden standardmäßig verlangt und geschickt:
Portrait
Halbtotale
Full Body — Kopf bis Fuß
Handflächen — außen und innen
Profil — rechts und links
Wenn dem Kunden wichtig ist, dass der Körper durchtrainiert ist, schickt man den aktuellen Stand — für den man ja auch nicht extra trainiert hat. Und dann entscheidet der Kunde, ob ihm das passt. In der Praxis funktioniert das jedes Mal gut, denn dass man sich innerhalb weniger Tage körperlich komplett verändert, ist unrealistisch. Es sei denn, man isst vor dem Shooting übermäßig viel — und das hat man selbst konkret unter Kontrolle.
Genau hier liegt der Denkfehler des Standardrezepts: Es versucht, in einer Woche etwas zu produzieren, das der Kunde vorher gar nicht bestellt hat. Er hat die Polas gesehen und auf dieser Basis gebucht. Wer am Drehtag anders aussieht als auf den Polas, hat kein Problem gelöst, sondern eines geschaffen.


Die Zeitleiste vor dem Drehtag
Weil die Frage „Was mache ich wann?" die eigentliche Suchfrage ist, hier die ehrliche Antwort in Tabellenform. Auffällig ist vor allem die rechte Spalte.
Zeitpunkt | Was tatsächlich passiert | Was nicht passiert |
Anfrage und Casting, meist 2 bis 4 Wochen vorher | Polas schicken: aktueller Stand, ohne Styling, in den geforderten Ansichten | keine Crash-Diät, kein Aufbauprogramm, kein „schnell noch definieren" |
3 Tage bis 2 Wochen vorher | Bewegung üben, gegebenenfalls Probetag oder Rehearsal, Beispielvideo aus dem gewünschten Kamerawinkel drehen | kein Wasserladen, kein Salzentzug, keine Ernährungsumstellung |
Der Abend davor | Schlafzyklen timen, früh aus der Runde, Ablauf im Kopf durchgehen | kein Alkohol, kein Verhocken an der Bar bis nachts |
Der Morgen des Drehtags | normale Morgenroutine, Frühstück passend zum Drehplan | kein Riesen-Frühstücksbuffet vor der Spa-Szene — aber auch nicht nüchtern bleiben |
10 Minuten vor dem Take, nur wenn Definition gefordert ist | ein paar Eigengewichtsübungen, um die gesamte Muskulatur gleichmäßig zu durchbluten | kein isoliertes Aufpumpen einzelner Muskeln |
Während des Drehs | Puder gegen Schweiß, oder bewusst Sprühwasser für die Continuity | kein Hungern, kein Abmagern über den Drehtag |
Pump vor dem Take, Frühstücksbuffet und die Grenze nach unten
Am Drehtag selbst mache ich maximal meine normale Morgenroutine — die steht ausführlich in Wie ich mich fit und gesund halte. Es hängt eben davon ab, was der Kunde will, und es ist nicht immer ein übertrieben aufgepumptes Fitnessmodel nötig, sondern oft schlicht eine gesunde, sportliche Statur.
Wenn Definition tatsächlich gewünscht ist — weil ein Fitnessprodukt vermarktet wird und ein gewisses Fitnesslevel zur Kampagne gehört — dann mache ich vor dem Take ein paar Eigengewichtsübungen und nutze dafür auch mein Bolster, also mein eigenes Produkt. Das regt die gesamte Muskulatur an und durchblutet gleichmäßig, damit Adern und Definition sichtbar werden. Das ist sinnvoller, als eine konkrete Übung zu machen, um einen einzelnen Muskel anzuregen. Wirklich nötig ist das aber selten.
Der zweite Punkt betrifft nicht den Körper, sondern den Drehplan. Wenn ich einen Spa-Bereich in einem Hotel shoote, macht es überhaupt keinen Sinn, davor ein Riesen-Frühstücksbuffet zu verspeisen — das sieht man optisch. Hier geht es nicht um die Befriedigung meines Hungergefühls, sondern darum, für die Szene kurz so auszusehen, wie der Kunde es haben will: eben nicht vollgefressen.
Aber es gibt auch eine Grenze nach unten. Es macht genauso wenig Sinn, sich für ein Shooting abzumagern oder am Drehtag gar nichts zu essen. Das ist nicht gesund — und man würde es auf den Bildern merken. Ein Drehtag an einem Trainingsgerät ist körperlich anstrengender, als er aussieht: viele Perspektiven, viele Takes, über den ganzen Tag verteilt. Wer mit leerem Tank anfängt, ist nach der Mittagspause nicht mehr zu gebrauchen.

Schweiß und Continuity
Ein paar Schweißtropfen lassen sich mit Puder und Make-up überdecken — das ist Standard und dauert Sekunden.
Manchmal ist der Schweiß aber bewusst gewollt. Dann wird von vornherein mit Wasser gesprüht, damit die Continuity von Anfang an stimmt, also die Anschlüsse zwischen den Einstellungen. Es gibt heute auch glänzende Sprays, sodass es auf dem Bild durchgehend so aussieht, als würde man gleichmäßig schwitzen. Das wird oft verwendet und macht Sinn, wenn es so gewollt ist.
Ich merke aber immer mehr: Die Dinge sollen natürlich ablaufen — und dann sehen sie auch am besten aus. Wenn es richtig anstrengend ist, dann schwitzt man eben, und dann soll es auch anstrengend aussehen. Die Zielgruppe merkt den Unterschied zwischen echter und gesprühter Anstrengung öfter, als Produktionen glauben.
Blaue Flecken, Tattoos, Sonnenbrand — und die Mythen, die es gar nicht gibt
In der Form hatte ich das noch nicht. Das Ziel ist ohnehin immer, sich nicht zu verletzen, und hoffentlich ist das vermeidbar. In letzter Instanz lässt sich aber sehr viel überschminken.
Vor zehn Jahren wurde noch diskutiert, ob man Tattoos etwa mit einem Stoffsocken verdeckt. Heute gehören Tattoos zum Alltag. Bei Fotos muss ohnehin nachbearbeitet werden, und im Video sind die Schnitte meist so schnell, dass es keine Rolle spielt und man es gar nicht sieht. Ein blaues Auge vom Boxkampf wäre etwas anderes — aber so weit sollte es gar nicht erst kommen.
Und weil die Frage nach den geheimen Tricks so oft kommt: Es gibt im Modelgeschäft keine wirklichen Mythen. Eigentlich weiß jedes Model, wie der Hase läuft. Sich extra abzumagern oder Bodybuilder-Tricks anzuwenden — das macht praktisch keiner. Es wäre auch albern: Man bekommt hier keine Punkte, sondern muss dem Kunden und der Persona gefallen. Es geht um Vermarktung, nicht um einen Wettkampf. Ich ernähre mich ohnehin bewusst, und daran ändert ein Shooting nichts. Sich nur für ein Shooting kurz gesund zu ernähren und sonst hochverarbeitetes Fast Food reinzuschieben, macht keinen Sinn.
Die eigentliche Vorbereitung: nicht der Körper, sondern das Können
Bei meiner Art Shooting liegt die echte Vorbereitung woanders. Nicht im Körper, sondern darin, dass die Bewegung am Tag X sitzt.
Training und Rehearsals gehören ganz weit nach oben — ich will ja, dass die Action perfekt sitzt und meine Performance ankommt. Das Problem dabei ist ein wirtschaftliches: In der Regel will kein Kunde für ein Training bezahlen. Genau deshalb ist es so wichtig, im Vorfeld zu klären, was ein Model kann, was gewünscht ist und was tatsächlich lieferbar ist. Welcher Körpertyp und welches Skill-Level für welche Kampagne überhaupt der richtige ist, steht in Fitnessmodel, Bodybuilder oder Sportmodel?
Wie viel Vorbereitung nötig ist, hängt komplett an der Komplexität:
Bitburger — eine kleine Mountainbike-Szene, einen Trail runterfahren: dafür musste ich nicht trainieren.
Yodobashi — mit dem Jetboard: ein komplett neues Sportgerät, das damals kein Model hätte beherrschen können. Auch für mich war das eine steile Lernkurve.
Zwischen diesen beiden Polen liegt alles andere. Und die Frage, wie viel Vorlauf eine Szene braucht, ist ein Planungsthema und kein Fitnessthema — dazu steht mehr im Komplettleitfaden zur Planung eines Outdoor-Drehs.
Der Probetag, die Dreierregel und was das kostet
Bei manchen Shootings gibt es einen Probetag, der schmal vergütet ist — und das finde ich fair. Wir reden über 350 bis 500 Euro netto — das gilt für mich persönlich. Das ist immer eine schwierige Diskussion: Man kann sagen, so ein Sportgerät zu benutzen macht ja Spaß. Auf der anderen Seite ist es trotzdem ein Job, den man ausführt. Das muss im Einzelfall besprochen werden und wird in der Regel auch verrechnet.
Meine eigene Messlatte für „sitzt es?" ist simpel und hat sich nie geändert: Wenn ich den gewünschten Take dreimal hintereinander abliefern kann, dann sitzt er auch vor der Kamera. Dieselbe Dreierregel wende ich auf Tricks in jeder Sportart an; warum Wiederholbarkeit wichtiger ist als maximale Schwierigkeit, habe ich in Sport-Double oder Stunt-Double ausführlicher beschrieben.
Der Produktion zeige ich statt einer Behauptung lieber ein selbst gefilmtes Beispiel — und zwar aus dem Kamerawinkel, den sie vielleicht haben will. Dafür stimme ich mich vorab mit dem Kameramann ab. Das spart am Drehtag Diskussionen, weil alle dasselbe Bild im Kopf haben. Welche Winkel bei Sportszenen überhaupt funktionieren, steht in Kameraperspektiven und Eigenbau-Rigs.
Zum Vorlauf: Wenn alles rechtzeitig kommuniziert ist, reichen auch drei Tage. Das überrascht viele, ist aber logisch — die Vorbereitung ist keine Körperkur, sondern eine Abstimmung.
Mentale Vorbereitung: das Spiel im Kopf
Ich war früher wettkampfmäßig auf Contests unterwegs und musste viele Tricks auf Knopfdruck abspulen. Vor der Kamera ist das genau dasselbe mentale Game.
Es gibt eine Methode, die alle Profisportler anwenden — echtes mentales Training: Man stellt sich die Szene immer und immer wieder im Kopf vor, vor allem vor dem Einschlafen, und geht sie gedanklich durch. Irgendwann setzt man die Gedanken nur noch in Bewegung um, und die Biomechanik des Körpers folgt den Gedanken.
Das klappt erstaunlich gut, und ich bin jedes Mal wieder überrascht. Es ist der Teil der Vorbereitung, der nichts kostet, keine Zeit im Drehplan braucht und trotzdem am meisten bringt.

Was ins Callsheet gehört
Ich finde das Callsheet immer sehr standardmäßig. Uhrzeiten, Adressen, Ansprechpartner — alles da. Was fehlt, ist der Teil, um den es bei einem Sport- oder Fitnessdreh eigentlich geht.
Man könnte die Skills schon vorab viel detaillierter abfragen. Dann hätte die Produktion auch die Gewissheit, ob ein Model wirklich kann, was hier abverlangt wird — statt es am Drehtag herauszufinden, wenn das Zeitfenster schon läuft. Eine kopierbare Briefing-Vorlage mit den sechs Punkten, die ich dafür für sinnvoll halte, steht in Fitnessmodel, Bodybuilder oder Sportmodel?. Ob Sie dabei über eine Agentur gehen oder direkt anfragen, macht für diesen Abgleich übrigens einen Unterschied — dazu Agentur oder Direktbuchung.
Sie planen ein Fitness- oder Sport-Shooting und wollen vorher wissen, was realistisch vorbereitet werden kann und was nicht? Buchungsanfrage senden.
FAQ
Was mache ich in der Woche vor einem Fitness-Shooting?
Nicht das, was online meistens steht. Wasser laden, entwässern und Salzentzug kommen aus dem Bodybuilding-Wettkampf und gehören nicht auf ein Fotoshooting. Sinnvoll ist stattdessen: aktuelle Polas schicken, die Bewegung üben, die gefordert ist, Schlaf timen und normal weiteressen. Der Kunde hat auf Basis der Polas gebucht — am Drehtag soll man genauso aussehen.
Was sind Polas und wozu dienen sie?
Polas sind aktuelle Tagesaufnahmen ohne Entwicklungszeit: Handy-Selfies ohne Make-up, ohne Styling, ohne aufwendiges Licht. Standard sind Portrait, Halbtotale, Full Body, Handflächen außen und innen sowie Profil rechts und links. Bei einem Fitness-Shooting oft in Boxershorts, damit der Kunde den Körperbau sieht. Sie sind der Grund, warum Crash-Programme vor dem Shooting sinnlos sind.
Muss man sich vor dem Take aufpumpen?
Nur, wenn Definition ausdrücklich Teil der Kampagne ist. Dann mache ich ein paar Eigengewichtsübungen, um die gesamte Muskulatur gleichmäßig zu durchbluten, damit Adern und Definition sichtbar werden. Das ist sinnvoller als eine isolierte Übung für einen einzelnen Muskel — und es ist wirklich selten nötig.
Was kostet ein Probetag vor einem Shooting?
Bei mir liegt ein schmal vergüteter Probetag im Bereich von 350 bis 500 Euro netto. Kommen Sport-Equipment, spezielle Expertise, eine besondere Ausführung, Material oder eine Sichtung dazu, kann es auch mehr werden. Ob und wie er vergütet wird, hängt vom Aufwand ab und wird im Einzelfall besprochen. In der Regel wird er verrechnet.
Wie viel Vorlauf braucht eine Sportszene?
Wenn alles rechtzeitig kommuniziert ist, reichen drei Tage. Der Vorlauf hängt an der Komplexität: Für eine kurze Mountainbike-Szene musste ich nicht trainieren, für ein komplett neues Sportgerät wie ein Jetboard war es eine steile Lernkurve. Meine Messlatte ist die Dreierregel — sitzt der Take dreimal hintereinander, sitzt er auch vor der Kamera.
Was ist mit Schweiß, Tattoos und blauen Flecken?
Schweißtropfen deckt Puder ab. Ist Schweiß gewollt, wird von Anfang an mit Wasser oder glänzendem Spray gearbeitet, damit die Continuity stimmt. Tattoos sind heute Alltag, werden bei Fotos ohnehin nachbearbeitet und fallen im schnellen Videoschnitt kaum auf. Blaue Flecken lassen sich überschminken — besser ist, es gar nicht so weit kommen zu lassen.
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